dichten
dichten

Füsse gehören zu den vernachlässigsten menschlichen Körperteilen. Ob ein Mensch schön ist, hängt selten von seinen Füssen ab. Meine Füsse sind schön. Rote Höcker auf den Zehen, platt und sehr lang.

 Haben alle Menschen eine Beziehung zu ihren Füssen?

von Aurelia Becker (Kommentare: 0)
dichten

Ich bin kein Tiermensch. Ich mag Katzen, Kühe und vielleicht noch Hirsche. Katzen lösen bei mir eine Allergie aus, für Kühe habe ich keinen Platz und Hirsche essen ich lieber. Vor vielen Jahren bekam ich einen lebensgrossen Pinguin. Er schaut schnuckelig und ich setzte davor eine Kerze. Bis heute steht er in meinem Flur und ich mag ihn. Er begrüsst mich morgens und lächelt am Abend. Auch andere Tiere fanden Eingang in meine Wohnung: Hirschgeweihe, Gaudi-Stiere und Plastikfische.

von Aurelia Becker (Kommentare: 0)
dichten

Die Mutter entsorgte ihre zwei Bücher. Grün, gross und in Leder gebunden. Zum Entsetzten von Magda. Denn diese war seit jeher stolz, eine bücherschreibende Mama zu haben. Das Buch des Vaters, das er nicht selber schrieb, sondern die Dissertation seines Freundes  war, verliess das Haus am gleichen Tag wie er selber. Zusammen mit "Die Russen", das zuvor jahrelang auf dem Tischchen neben dem Fernsehsessel im elterlichen Schlafzimmer lag. Der Verlust der Vaterbücher war verkraftbar. Die der Mutter nicht.

von Aurelia Becker (Kommentare: 0)
dichten

Onkel Férnand

Grossmutter lud Onkel Férnand mit seiner neuen (deutschen) Freundin zum Mittagessen ein. Es ist Nachkriegszeit und sommerheiss. Auf der Veranda serviert sie ein Fondue. Die Gäste neigen eher zum Wein denn zum Käse. Das Geschmolzene beäugt die Deutsche argwöhnisch. Nach kurzer Zeit sieht sie weisse Mäuse. Der Grossvater, ein bekannter Arzt, weiss damit umzugehen. Onkel Férnand verlustiert sich derweil im Garten. Pitschnass mit einer Blume im Haar kehrt er zurück: "Zut alors, vous avez une piscine dans le jardin?!"

von Aurelia Becker (Kommentare: 0)
dichten

Zigaretten

Mama rauchte Kent Box. Dann Select und später Barclay. Sie sammelte die Tabakgutscheine, die der Discounter jahrelang zu jeder Stange Zigaretten mitlieferte. Sie wäre reich geworden, hätte der Supermarktkonzern den Prozess gegen den Staat gewonnen.

Nach dem verlorenen Gerichtsurteil lancierte die Ladenkette eine Eigenmarke. Mama sattelte um, kaufte jetzt die Billigsten. Jahrelang. „Lieber sterbe ich, als dass ich mit dem Rauchen aufhöre“.

Obwohl sie schon lange keine Lust mehr zum Rauchen verspürte, hatte sie bis zum Schluss immer eine Schachtel Denner-Billigmarke-Zigaretten mit dabei. Immer. Auch im Krankenhaus als sie starb.

von Aurelia Becker (Kommentare: 0)
© 2022 Aurelia Becker
Diese Seite verwendet keine personen bezogenen Cookies. Details finden Sie in meiner Datenschutzerklärung und unserem Impressum.