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von Aurelia Becker
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Füsse im Hotel

Füsse gehören zu den vernachlässigsten menschlichen Körperteilen. Ob ein Mensch schön ist, hängt selten von seinen Füssen ab. Meine Füsse sind schön. Rote Höcker auf den Zehen, platt und sehr lang.

Haben alle Menschen eine Beziehung zu ihren Füssen?

Als Kind schmierte meine Mutter meine Füsse oft mit einer Salbe ein. Ich hatte Fusspilz. Die Füsse einreiben war sehr angenehm. Fast so angenehm wie das Barfuss-Gehen im schwül-warmen Hallenbad zuvor.

Wenn ich Leute kennenlerne, denke ich als erstes: Wie schauen deren Füsse aus? Sind sie gepflegt, zerrissen, farbig oder kahl? Und: was heisst normal?

Ich habe Grösse 41 und wie bereits erwähnt, sind sie platt. Im Sommer bin ich stolz, einen vollen Abdruck zu hinterlassen. Manchen fällt das auf und sie fragen, ob ich Einlagen trage. Nein, geb ich zurück. Nie. Weder im Slip noch im Schuh. Als Kind verweigerte ich mich – Grossmutter scheiterte, Mutter auch. Ich bekam nur teure Schuhe.

Später - ich war in meinen besten Jahren - meinte ein Orthopäde: jetzt ist’s höchste Zeit! Ich lachte laut frivol: Wie er sich das denn vorstelle, in meiner Grösse. Das Thema Einlagen war ein für alle Mal erledigt.

Gibt es Menschen, deren Füsse noch nie eingecremt wurden?

Vor Jahren war ich in Thailand. Nicht nur, dass ich mich an jeder Ecke massieren liess, nein, auch meine Füsse kamen voll zum Zug. Ich bin kitzlig und die Füsse durften täglich rein ins tiefe Wasser. Das war voll mit kleinen Fischen. Wow – war das eine Freude. Ich kicherte und die Viecher frassen meine Füsse. Tausendfach. Das Kribbeln, die Lust, das war fanal.

Als ich zwei Jahre alt war, hatten meine Füsse einen prominenten Auftritt. Ich weigerte mich, sie in zwei Schuhe zu stecken. Taufe meiner Cousine. Mutter hatte mir ein hellblaues Samtkleid genäht und Lackschuhe gekauft. Die Schuhe trug ich nie. Auf der grossen Taufaufnahme strahle ich barfuss an der Hand meines stolzen Vaters. Ich war die einzige ohne Schuhe. Und Mutter liess mir künftig freie Hand: Meine ersten, bewusst ausgewählten Schuhe waren blau-rot und auf dem Rist mit einer goldenen Schnalle verziert. Dann kam die Erstkommunikation. Mädchen werden in weisse Kutten gesteckt. Kopf- und Fussschmuck frei wählbar. Ich wollte keine Krone. Die Nachbarsfrau besass Schuhe in meiner Grösse. Rot wie meine Backen. Ich trug sie stolz an diesem Tag, an dem ich auch ein Poster mit Pippi Langstrumpf auf dem Pferd erhielt.

Die Katholen legen Wert auf Schuhe. Jesuslatschen. Prada – Finken. Pfui, die stinken.

Mein Vater liebte das Wandern. Wenn er mit meiner Mutter stritt, zückte er die Knickerbockers mit karierten Socken und lief drauflos. Meilenweit in Wanderschuhen. Ich wollte auch und manchmal – oh wie schön – nahm er mich mit. Auf Berge und ins Tal. Ich erinnere mich an den Tamangur. Der Wald ist dicht und ich bin klein. Es ist so weich auf Vaters Rücken. Meine Füsse, die brauch ich kaum. Die Reiseapotheke wär bereit. Pflaster und Desinfektion. Doch niemals, wirklich nie – brauchten wir sie.

Nach der Barfusstaufe und dem Kuttenlook wurde ich erwachsen. Die Welt lag mir zu Füssen. Mutter gab mir 100 Franken und meinte, ich solle mir was Schönes kaufen. Mules mit Absätzen und sonst nichts. Ich brillierte. Wochenlang. Tom war da und rauchte. Er mochte mich und meine Schuhe. Seine Füsse sah ich nie.

Nagelpilz sieht nicht schön aus. Hartnäckig gräulich-weiss verdirbt er jeden Lack. Ich habs versucht: mit Rot und Gold und Schwarz. Da ist nichts zu machen. Mit Feile schleifen, mit Raffel hobeln. Ich weiss, das ist jetzt nicht grad appetitlich.

Wieviel braucht es, um jemandem den Appetit zu verderben?

Appetit auf Lust ist vieldeutig. Heisshungrig schön. Ich suche menschliche Nähe und Füsse sind zu zweit allein. Nein, nicht allein. Nur zu zweit. Es liegt an ihnen, eine Beziehung herzustellen. Das klappt mit Schuhen. Schuhe müssen passen. Zu den Füssen. Sonst tut es weh. Nicht nur in den Augen. Es ist so rot. Und auch ein wenig tot. Das Leder und die Haut. Ich kaufe neue Schuhe und noch mehr.

Das medizinische Fachgebiet, das sich mit der Behandlung des Fusses beschäftigt, heisst Podiatrie. Nicht Podologie, das ist die Pflege. Und für die Seele fand ich nichts. Da muss ich selber ran. Ich creme, bis sie kommt. Die Seele, sie lugt hervor und saugt sich voll. Wird warm und weich. Sie tut nie weh.  

Ich besitze hunderte von Schuhen. Mein Haus ist voll. Tagelang verbringe ich damit, sie neu zu ordnen. Rot und spitz und platt mit glitschig, hoch und hart. Ich fühl mich nie allein.

Ich bin jetzt sicher nicht in diesem Hotelzimmer, um mit jemandem über Füsse zu diskutieren. Ich brauche nur den Kick. Ein Ohr genügt – und ich bin entzückt entrückt. Denn mit zwei ist auch hier die Zahl verrückt.

Ich suche Nähe.

Nähe.

Gibt es eine grössere Nähe als der Fuss zum Schuh? Wir kennen’s alle: Dieses Reiben zwischen Haut und Leder. Sie beissen auf die Zähne. Es brennt und ribscht. Wird heiss und flüssig. Weiter, immer weiter, bis sie kommt, die Blase. Das geschieht meistens beim Wandern. Aber nicht, wenn sie klein sind und die Füsse noch nicht gross.

Keine Angst, es gibt nichts zu befürchten. Wir bleiben am Boden. Wo sie auch hingehören, Schuhe und die Füsse begleiten uns. Das Schlimmste, was sie tun können, ist einem Menschen einen Schuh an den Kopf zu werfen. Das tue ich nie. Meine Schuhe sind Kunstwerke. Die Füsse auch. Viel zu schade für einen Kopf. In Schuhe schlüpft man rein. Und wieder raus. Tagein und aus.

Als Teenager nahm mich meine Mutter mit auf eine Insel. Luxusresort. Abendrobe. Ich zog barfuss vor. Es verschlug ihr die Sprache. Meine Füsse waren braun und makellos. Rot lackierte Nägel. Der Kellner lächelte und pfiff.

Wir sind jetzt mittendrin. Aus zwei mach vier und übers Kreuz. Ich frage mich, ob es Füsse gibt, die nicht zueinander passen. Einmal sagte meine Schwester, sie verstehe nicht, dass jemand gleichzeitig so hässliche Hände und Füsse haben könne. Es war ein Wink mit dem Zaunpfahl. Sie bekam als Kind nie teure Schuhe.

Füsse kommen und gehen. Ein Kindergruss und dann zum Schluss: Bedeckt und zu der Greisenfuss.

Meine Füsse sind schön. Rote Höcker auf den Zehen, platt und sehr lang.

Mein lieber Herr und Frau: Wie sehen Ihre Füsse aus?

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